21.04.2026

„Ohne psychologische Sicherheit gibt es keine KI-Experimentierkultur.“

Interview mit der KI-Expertin und LEARNTEC Keynote-Speakerin Dr. Pirita Pyykkönen-Klauck

Wie alle disruptiven Technologien verändert Künstliche Intelligenz (KI) Medien, Bildung und Organisationen rasant – und oft überholt die tatsächliche Techno-logienutzung die gesetzlichen Rahmenbedingungen. Viele Unternehmen ringen noch mit der strategischen Einordnung. Im Interview erklärt KI-Expertin Dr. Pirita Pyykkönen-Klauck, CEO von ZDF Sparks, welche Kompetenzen Füh-rung jetzt braucht, wie eine echte Experimentierkultur gelingt und warum klare Leitplanken entscheidend sind. Als Keynote Speakerin der LEARNTEC, der Fachmesse mit Kongress für digitale Bildung in Karlsruhe, zeigt sie, welches Potenzial KI künftig entfalten kann.

Wie nutzen Sie ganz persönlich KI – beruflich und privat?

Dr. Pirita Pyykkönen-Klauck: Beruflich nutze ich KI vor allem als Sparrings-partner und Effizienz-Booster. Da Deutsch und Englisch (die beiden Sprachen, die ich aktiv nutze) nicht meine Muttersprachen sind, verwende ich schon seit einiger Zeit technische Tools zur Textkorrektur. Mit KI überprüfe ich jetzt auch oft den genauen Tonfall meiner Nachrichten. Zudem lasse ich von vielen Noti-zen Zusammenfassungen und To-do-Listen erstellen. Ein großer Hebel für mich ist die Generierung von Visualisierungen und Templates. Das spart enorm viel Zeit, weil ich nicht besonders gut im visuellen Storytelling bin.

Privat bin ich durch und durch Experimentalistin. Ich teste kontinuierlich KI-Lösungen und Tools, weit außerhalb meiner Komfortzone. Ein Projekt seit län-gerem ist Home-Automation. Ich experimentiere auch etwas, meine eigenen Bedürfnisse zu automatisieren – etwa die Anpassung von Musik und Licht-stimmung an meine exakte Gemütslage. Die Algorithmen habe ich allerdings noch nicht ganz hinbekommen. Viele meiner wichtigen persönlichen Daten speichere ich doch nicht in Datenbanken. Momentan ist mein Mann beim Er-kennen meiner Laune immer noch genauer als die KI.

Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz aktuell konkret in der Medien-branche?

Pyykkönen-Klauck: Ein aktuelles Thema in der Medienbranche ist die Vielfalt beeindruckender KI-generierter Videos, die auf verschiedenen Social-Media-Plattformen geteilt werden. Die Realität dahinter ist jedoch oft weder so einfach noch so schnell, wie es in diesen Postings scheint. Als beratende CEO be-trachte ich die Medienbranche ganzheitlich über die gesamte Wertschöpfungs-kette: vom Audience-Verständnis über die Programmplanung und die Produk-tion bis hin zur Distribution und Administration.

KI bietet überall enorme Potenziale. Derzeit liegt der praktische Fokus jedoch auf komplexen Datenanalysen und Aufgaben, für die Menschen schlichtweg die Zeit oder die Kapazität fehlt. Die Reduzierung dieser Arbeitsschritte und die höhere Genauigkeit der Analyseergebnisse durch den Einsatz von KI werden von vielen Mitarbeitern sehr begrüßt.

Strategisch gesehen beobachte ich derzeit die Grundentwicklungen der neuen sogenannten „World Models“. Diese bergen das technologische Potenzial, viele Einschränkungen heutiger Modelle grundlegend zu überwinden. Sobald sie verfügbar sind, werden wir KI-Lösungen für Kreativprofis deutlich schneller entwickeln können als heute.

Gerade bei disruptiven Entwicklungen sind die Menschen in der tägli-chen Nutzung schon weit, während Organisationen und Gesetzgeber hinterherhinken. Wie sehen Sie das im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz?

Pyykkönen-Klauck: Ein offener Diskurs ist hier essenziell. Wie die Frage ebenfalls zeigt, ist technologisch heute weit mehr möglich, als wir uns als Ge-sellschaft von KI wünschen mögen. Genau deshalb sind klare Gesetze und Regulierungen zwingend notwendig.

Allerdings erfordert dies einen viel engeren Austausch zwischen Entschei-dungsträgern und den KI-Experten, die die Technologie fundiert erklären kön-nen. Wir müssen uns von den Extremen bezüglich Chancen und Gefahren der KI distanzieren; stattdessen sollten wir evidenzbasierte Szenarien und Simulati-onen entwickeln, die aufzeigen, was KI als Technologie sein kann. Ohne die-ses tiefe Verständnis laufen wir Gefahr, am Ziel vorbeizuschießen: Wir regulie-ren dann nicht nur die riskante Nutzung, sondern verhindern gleichzeitig gute und dringend notwendige Innovationen.

Welche Kompetenzen braucht es, um KI nicht nur zu nutzen, sondern strategisch einzubinden? Wie muss Führung in Zeiten von KI gestaltet sein?

Pyykkönen-Klauck: Es gelten weiterhin die Grundsätze solider strategischer Führung, allerdings auf einer drastisch verkürzten Zeitachse. Führungskräfte müssen präzise KPIs definieren, die für die operativen Teams sofort umsetzbar sind. Wir brauchen kürzere Evaluierungszyklen und die Bereitschaft für schnel-le Pivots.

Die Implementierung von KI ist kein mehrjähriges Projekt und sollte auch nicht als IT- oder Technologieprojekt betrachtet werden. Die ersten KPIs, die den Start des Prozesses definieren, sollten innerhalb desselben Jahres erreicht werden; finanzielle Vorteile können schnell realisiert werden, nachdem die ers-ten Start-KPIs erreicht sind. Doch ohne den Mut zu echten Investitionen ist der für die heutige Wettbewerbsfähigkeit notwendige Fortschritt nicht möglich. Die Investitionen müssen sicherstellen, dass die Mitarbeiter die Zeit und die Res-sourcen haben, die sie für die Einführung von KI benötigen. Am Ende ent-scheidet in der Transformation ein konsequentes „Leading by Example“ über den Erfolg.

Im LEARNTEC Kongress ist AI Readiness ein großes Thema – sowohl von Unternehmen als auch von einzelnen Mitarbeitenden. Wie gelingt es, in einer großen Organisation eine Innovations- und KI-Experimentierkultur aufzubauen?

Pyykkönen-Klauck: An erster Stelle steht die psychologische Sicherheit. Eine Experimentierkultur braucht sichere Umgebungen und klare Rahmenbedin-gungen. Die Unternehmen benötigen transparente Leitlinien: Wer darf was, wie und mit welchen Daten testen? Um kritische Fehler zu vermeiden, muss klar definiert werden, wo im Vorfeld erweiterte Risikoanalysen erforderlich sind. Dies ist nicht nur eine technische, sondern auch eine organisatorische Heraus-forderung. Letztendlich muss jeder Mitarbeiter genau wissen, wie das geistige Eigentum des Unternehmens in allen KI-Experimenten kompromisslos ge-schützt wird. So können die Mitarbeiter mit einem Gefühl der Sicherheit expe-rimentieren.

Darüber hinaus benötigen Unternehmen die entsprechende Expertise und Souveränität oder müssen diese ins Haus holen, um die Prozesse professionell zu gestalten. Ich beobachte häufig erhebliche Unsicherheit im Markt hinsicht-lich der Frage, welche KI-Themen in welchen Cloud-Umgebungen tatsächlich sinnvoll sind. Notwendig ist hier eine objektive und ganzheitliche Bewertung darüber, was und wie im jeweiligen Unternehmenskontext einen echten Mehr-wert schafft. Bei solchen Bewertungen ist oft eine gewisse Distanz hilfreich, um diese Entscheidungen objektiv beurteilen zu können.

Zum Abschluss — da wir ja eine Bildungsmesse sind: KI in der Bildung – was kann KI, was der Lehrende (Trainer, Lehrer, Coach) nicht kann?

Pyykkönen-Klauck: Es gibt viele Aspekte, aber ich möchte zwei Punkte her-vorheben:

  • Verfügbarkeit: KI ist 24/7 verfügbar. Das kann und sollte kein Mensch leisten.
  • Hyper-Personalisierung: Es ist für einen menschlichen Lehrenden un-möglich, die exakten Bedürfnisse jedes einzelnen Lernenden ohne um-fassende Datenauswertung in Echtzeit zu erfassen. Selbst wenn ein Trainer diese Analyse leistet, kommt die Anpassung immer zeitverzö-gert. KI hingegen analysiert in der direkten Interaktion und bietet sofort automatisierte, passgenaue Maßnahmen an. Sie passt Formate - ob Text, Video oder interaktive Tests - an, um den Lerneffekt zu maximie-ren, oder reagiert individuell auf Lernschwierigkeiten, indem sie bei-spielsweise mehr konkrete Beispiele liefert oder diese anders erklärt. Dies spart den Lernenden enorm viel Zeit und Energie und vermittelt ihnen unmittelbar das Gefühl, Lernerfolge zu erzielen.

Mit diesen beiden Vorteilen können die Lernende zielgerichteter planen und haben die Gewissheit, dass jeder die gleichen Chancen auf optimalen Lerner-folg hat. Gut konzipierte KI-Lernlösungen geben auch den Lehrenden Feed-back, sodass sie ihre Zeit für die Gestaltung der Schulungen nutzen können, um verbleibende Lernherausforderungen anzugehen oder die Qualität des Ler-nens noch weiter zu steigern.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Keynote von Dr. Pirita Pyykkönen-Klauck "Future by Design: Governing Fearless Labs for Sovereign AI Returns" findet am Donnerstag, 7. Mai 2026, 13 Uhr in der Main Stage in Halle 2 statt.

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