20.12.2017

Informatische Grundbildung

Im Rahmen des Forums school@LEARNTEC diskutieren Experten aus Wissenschaft und Praxis täglich zentrale Fragen – unter der Überschrift „Phänomene der Digitalisierung“ diskutieren am Mittwoch, den 31.01.2018 in der Zeit von 13.00 - 14.00 Uhr Prof. Dr. Torsten Brinda von der Uni Duisburg-Essen und Mitinitiator der Dagstuhl-Erklärung, Sebastian Staacks von der RWTH Aachen - der mit phyphox eine App entwickelt hat, die ein Smartphone in ein mobiles Physiklabor verwandelt - und Juliane Petrich, Leiterin der Abteilung Bildung beim Branchenverband der Digitalwirtschaft Bitkom.

Informatische Grundbildung, Problemlösen und Modellieren sind Schlüsselkompetenzen, die in der Schule zukünftig eine immer größere Rolle spielen. Wir sprachen darüber im Vorfeld der LEARNTEC mit Prof. Dr. Brinda.

Prof. Dr. Brinda, Sie sind Mitverfasser und -initiator der Dagstuhl-Erklärung. Welche Empfehlung geben Sie damit Schulen, die das Thema Digitalisierung der Schule angehen wollen?

Wenn derzeit über Digitalisierung in der Schule diskutiert wird, dann geht es dabei oft um die Frage, wie digitale Medien in allen Unterrichtsfächern eingesetzt werden können, damit Schülerinnen und Schüler darüber die gemeinhin erwartete Medienkompetenz erwerben können. Ferner geht es um die Frage, welche Maßnahmen der Schulentwicklung insgesamt erforderlich sind, um unsere Schulen fit für die Zukunft zu machen. Das sind zweifellos und unbestreitbar wichtige Fragen, die der intensiven Auseinandersetzung bedürfen. Gleichwohl wird dabei die Frage oft vernachlässigt, in welchem Umfang und in welchem Schulfach sich Lernende darüber hinaus mit der Digitalisierung als Unterrichtsgegenstand auseinandersetzen. Mit der Dagstuhl-Erklärung war und ist das Anliegen verbunden, Digitalisierung in der Schule umfassender zu betrachten. Da es ohne die Informatik als Wissenschaft keine Digitalisierung gäbe, schließt Bildung in der digitalen Welt den Erwerb informatischer Kompetenzen mit ein. Daher sollten Schulen, die das Thema Digitalisierung im Unterricht angehen wollen, meines Erachtens neben fachspezifischen Medienkonzepten eine Stärkung der informatischen Bildung und eine gelungene Abstimmung der Unterrichtsinhalte von Informatik und Medienbildung anstreben. Ich sehe das vergleichbar zur Mathematik, die bspw. im Physikunterricht und anderen Fächern benötigt wird. Das erfordert curriculare Abstimmung. Analog sollten die informatischen Grundlagen verfügbar sein, wenn in den Fächern digitale Medien eingesetzt und reflektiert werden.

Mit der Strategie der Kultusministerkonferenz „Bildung in der digitalen Welt“ von Dezember 2016 verpflichten sich die Länder, dafür Sorge zu tragen, dass alle Schülerinnen und Schüler, die zum Schuljahr 2018/2019 eingeschult werden oder in die Sek I eintreten, bis zum Ende der Pflichtschulzeit die in diesem Rahmen formulierten Kompetenzen erwerben können. Sind Sie damit einverstanden, informatische Grundbildung ausschließlich fächerintegriert zu implementieren?

Ich denke, das ist ein Irrweg, weil die Politik sich scheut, unliebsame Entscheidungen zu treffen. Wollte man informatische Bildung in der Schule stärken oder gar verpflichten, braucht man dafür Raum in der Stundentafel. Da man dann Stunden entweder einem oder mehreren anderen Unterrichtsfächern „wegnehmen“ müsste, scheut man m. E. den resultierenden Konflikt. Alternativ gäbe es die Möglichkeit, die Stundentafel auszuweiten, was zu Protest von Schülerschaft und Eltern führen könnte. An solchen organisatorischen Herausforderungen darf man aber meiner Meinung nach so wichtige Zukunftsentscheidungen nicht scheitern lassen. Würde man die zuvor genannten Optionen in moderatem Maße kombinieren und ggfs. noch schulische Ergänzungsstunden sowie die sich in manchen Bundesländern durch die Rückkehr zu G9 ergebenden Freiräume in dieser Hinsicht nutzen, wäre das organisatorische Problem lösbar. Ferner denke ich, dass ein Modell zur Integration informatischer Unterrichtsinhalte in unserem gegenwärtigen Schulsystem nicht in der erforderlichen Qualität in der Breite realisierbar wäre. Auflösung von Fächerstrukturen und verstärkte Integration sind grundsätzlich bedenkenswerte Ziele zur Weiterentwicklung unseres nationalen Bildungssystems (wie z.B. in Finnland). Unsere Lehrerausbildung konzentriert sich derzeit jedoch auf zwei, maximal drei Unterrichtsfächer. Die für die Integration informatischer Inhalte in der erforderlichen Tiefe erforderlichen Fachkompetenzen haben gemäß Abschluss nur die Informatiklehrkräfte. Wollte man alle Lehrkräfte dafür einsetzen, müssten alle Nicht-Informatiklehrkräfte entsprechend nachqualifiziert werden. Dazu müssten sie aber überhaupt willens und kognitiv in der Lage sein. Davon kann man nicht in der Breite ausgehen. Jemand, der seine Stärken und Vorlieben im Bereich der Sprachen oder im künstlerischen Bereich hat, dürfte nicht notwendigerweise auch Interesse und Kompetenz für Verschlüsselungsverfahren, Datenbanken, Programmierung oder Computernetze entwickeln. Aus der ICILS-Studie wissen wir, dass schon die Fächerintegration digitaler Medien in der Vergangenheit national nicht gut gelang – Informatikinhalte brächten aber eine völlig neue inhaltliche Facette mit ein und ich kann mir gegenwärtig nicht vorstellen, dass das in absehbarer Zeit in der Breite funktionieren könnte.

Der Kompetenzbereich 5 „Probleme lösen und handeln“ beinhaltet unter anderem die Vermittlung von „5.5. Algorithmen erkennen und formulieren“ … wohlgemerkt in allen Fächern? Wie können und sollen Lehrer in die Lage versetzt werden, sich das dazu notwendige Fachwissen anzueignen und ihr didaktisches Repertoir um das der „Fachdidaktik Informatik“ zu erweitern?

Das zeigt genau das gerade illustrierte Problem. Damit das gelänge, müssten – wohlgemerkt alle – Nicht-Informatiklehrkräfte informatisch nachqualifiziert werden. Was aus Sicht der KMK erforderlich ist, um kompetent Informatik unterrichten zu können, hat diese in ländergemeinsamen Anforderungen für die Unterrichtsfächer in der Lehrerbildung festgelegt. Trägt man die dort genannten Anforderungen zusammen, käme man je Lehrkraft schnell auf rund zwei Jahre Nachqualifizierung in Vollzeit. Das ist nicht nur unbezahlbar, sondern auch völlig unrealistisch. Die andere Möglichkeit bestünde darin, einfache, sehr grundlegende Informatikkompetenzen im Rahmen von Lehrerfortbildungen in der Breite zu vermitteln. Tatsächlich gibt es auch immer mehr Forschungsberichte, in denen z.B. in Mathematik oder den Naturwissenschaften mit Scratch programmiert wurde, um daran dann bestimmte fachliche Inhalte zu veranschaulichen. Analysiert man diese Beispiele allerdings genauer, so stellt man fest, dass diese aus informatischer Sicht auf sehr grundlegendem Niveau verbleiben, wie es in informatischer Bildung in der Grundschule oder zu Beginn der Sek. I erreicht werden kann. Die fachliche Tiefe im Vergleich zu anderen Unterrichtsfächern bliebe mit einem solchen Ansatz in der Breite auf der Strecke. Man stelle sich dazu vor, man würde das Fach Deutsch abschaffen und nur darauf zählen, dass ja auch in anderen Unterrichtsfächern deutsch gesprochen und geschrieben wird. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das funktionieren würde.

Es scheint so, dass erstmalig Bund, Länder und Schulträger bereit sind, umfangreiche Investitionen in die Digitalisierung der Schulen zu investieren. Die Vergabe von Mitteln ist aber zumeist mit der Formulierung eines schulischen Medienkonzeptes verbunden. Worauf sollten Schulen dabei achten?

Zentral ist sicherlich, dass Digitalisierung kein Selbstzweck sein darf, sondern sich ein Mehrwert für die pädagogische Arbeit ergeben muss. Ferner muss ein Qualitätssicherungsprozess für die eingesetzten Medien existieren. Da viele Lehrkräfte sich dem Thema Digitalisierung ja auch selbst noch zuwenden müssen, empfiehlt es sich sicher auch nicht, zu viele verschiedene Tools in den Fächern einzusetzen, sondern eine didaktisch gut begründete Auswahl zu treffen. Völlig klar ist, dass es natürlich fachunabhängig einzusetzende Medien gibt, wie verschiedene Social Media-Angebote, und natürlich domänenspezifische Angebote, wie Computeralgebrasysteme oder virtuelle Labore. Angebote müssen so ausgewählt werden, dass sich keine Konflikte mit den Persönlichkeitsrechten der Nutzer ergeben. Und wie eingangs schon ausgeführt: ich plädiere dafür, den Medieneinsatz in Schulen und die informatische Bildung curricular so aufeinander abzustimmen, dass auch eine fachliche Reflexion des Medieneinsatzes möglich ist.

In NRW wurde der Medienpass um die neuen Kompetenzbereiche erweitert, in anderen Bundesländern wurden sie in die Bildungspläne integriert. Lässt sich die Digitalisierung so einfach in die 150 Jahre alte „analoge“ Schule integrieren oder wäre es nicht angesichts der rasanten Digitalisierung aller gesellschaftlichen Bereiche Zeit für einen Paradigmenwechsel? Was zeichnet für Sie die Schule im digitalen Zeitalter aus?

Meiner Wahrnehmung nach prasseln zahlreiche Anforderungen auf Schulen ein, die es immer wieder erforderlich machen, Schulen zu erneuern. Andererseits hat es schon viele externe Anforderungen an Schulen gegeben, die sich mit ändernden politischen Mehrheitsverhältnissen auch wieder geändert haben. Aus diesem Grunde werden viele Anforderungen auf schulischer Seite vermutlich zurecht mit einer gewissen Gelassenheit betrachtet. Unser nationales schulisches Bildungssystem ist ein sehr träges, damit aber auch ein sehr stabiles. Ich finde es richtig, dass der politische Auftrag besteht, dass Schulen sich fit für die Digitalisierung machen. Und ich finde es ebenso richtig, dass es mancherorts auch Experimente gibt, traditionelle Strukturen aufzulösen und grundlegend anders zu arbeiten. Eine Schule im digitalen Zeitalter ist für mich eine, die auch unter diesen Rahmenbedingungen die übergeordneten Ausbildungsziele von Schule klar im Blick behält, diese aber explizit auch auf eine durch Digitalisierung geprägte Welt bezieht. In einer solchen Schule haben die digitale Medienbildung und die informatische Bildung große Bedeutung.

Autor: Jürgen Luga, Redaktionsbüro Education Mediengesellschaft mbH

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