28.09.2017

Flipped Classroom – Sebastian Schmidt im Interview

Sebastian Schmidt ist Lehrer an der Inge-Aicher-Scholl Realschule in Neu-Ulm und Flipped Classroom Experte. Welche Tipps er für Kolleginnen und Kollegen hat, lesen Sie im Interview:

Sebastian, welche Ratschläge kannst du Kolleginnen und Kollegen geben, die mit Flipped Classroom starten möchten?

Ein Video allein dreht noch nicht das Lernen der SchülerInnen um. Das musste ich leidvoll erkennen. Legt man all seine Vorbereitungszeit auf die Erstellung von Videos, hat man kaum mehr Zeit, wertvolle Unterrichtszeit zu planen. Daher empfehle ich zum Einstieg, Fremdvideos zu verwenden und sich dafür genau zu überlegen, wie man fachdidaktisch eine Unterrichtsstunde wertvoll macht. Dazu muss das Video oder die vorbereitende Hausaufgabe nicht immer erklärend sein, sondern man kann auch mit einem Impuls beginnen.

Darüber hinaus sind ein oder zwei Unterrichtsstunden als Testversuch bestimmt nicht ausreichend, um sich ein Bild zu machen. Meine SchülerInnen brauchen mindestens eine Woche, um mit dem neuen Rhythmus klar zu kommen. Noch ein Tipp: Wer heute schon schülerzentrierten und offenen Unterricht gestaltet, der braucht keinen Flipped Classroom, aber man sollte sich dann zumindest ausgiebig hinterfragen, wie hoch der eigene Redeanteil bei einer Unterrichtsstunde ist. Mir hat der Flipped Classroom die Augen geöffnet was es heißt, das Klassenzimmer und das Lernen in die Hände der SchülerInnen zu legen und mich zurückzunehmen.

Youtube ist, nach Google, die am zweit meisten aufgerufene Website der Welt und für Jugendliche heute das, was für ihre Elterngeneration das Fernsehen ist. Verstärkt Flipped Classroom nicht den Trend zu übermäßigem Konsum digitaler Medien?

Tatsächlich wird sich die Zeit hinter dem Smartphone erst einmal erhöhen, wenn auch geringfügig.

Gerade in der schulischen Nutzung sehe ich aber die Möglichkeit, reflektierter auf die sonstige Nutzung zu schauen. Das Smartphone ist jetzt nicht mehr nur Freizeit, sondern auch Arbeit. Ich mache die Erfahrung, dass mit der Nutzung der Geräte die Verlockung sinkt, während dem Unterricht Privates zu erledigen. In einigen meiner Klassen sehe ich sogar, dass SchülerInnen den Flugmodus während meines Unterrichts einstellen, der Ihnen den Zugang zur Lernplattform ermöglicht, aber Push-Benachrichtigungen abschaltet.

Was unterscheidet für dich als Lehrer das Unterrichten vor der Kamera vom Unterricht vor der Klasse? Fehlt dir beim Aufzeichnen deiner Clips nicht die Resonanz zu den Schülern?

Der fehlt mir tatsächlich, der so genannte AHA-Effekt. Wenn es den SchülerInnen plötzlich wie Schuppen von den Augen fällt und ihre Gesichtszüge eine Form des Lächelns und des Strahlens annehmen, weil sie endlich in Mathe etwas verstanden haben. Es ist allerdings utopisch zu glauben, dass ein Flipped Classroom Clip für 30 AHA-Effekte zu Hause ausreicht. Er kratzt ein Thema an und schafft bereits die ersten Verständnisse, ermöglicht dann aber viele weitere AHAs im Unterricht. Da habe ich dann Zeit, als Coach tätig zu werden.

Die Digitalisierung schreitet exponentielles voran, vermutlich werden wir in den nächsten fünf Jahren genauso viele digitale Innovationen erleben können, wie in den zurückliegenden zehn Jahren. Wie hältst du dich didaktisch fit für die Digitalisierung der Gesellschaft?

Ich bin einfach bei allem dabei, was bei den SchülerInnen aktuell ist und sich für mich einigermaßen spannend anhört: Instagram, Twitter, Facebook, YouTube, Blogs, etc. So bekomme ich einerseits ein Gefühl für die Lebenswelt der SchülerInnen heute, andererseits kann ich diese Plattformen auch dazu nutzen, mich mit inspirierenden KollegInnen zu vernetzen. Alles was bis heute zur echten Verbesserung meines Unterrichts beigetragen hat, habe ich von den sozialen Netzwerken. Sei es durch Input, Diskussion oder Kritik, man lernt immer dazu und es reicht vor allem aus, sich dann einzuklinken, wann man Zeit dafür hat. Ständig zu twittern und zu bloggen UND Unterricht reflektiert zu verändern, dass sprengt jeden zeitlichen Rahmen. Hop On, Hop Off ist auch eine Kompetenz, die wir in der digitalen Welt lernen müssen, auch als Lehrer.

Du hast 2017 in der offenen Lernlandschaft school@LEARNTEC ein Panel gestaltet. Wie waren deine Erfahrungen?

Es war eine tolle Erfahrung, sehr viele interessierte Besucher und tolle Gespräche. Allein meine Stimme war danach etwas kaputt. War definitiv auch mein Fehler, ich habe mehr vorgetragen als diskutiert. Im Sinne meines Unterrichts sollte ich mit meinem Content auf www.flippedmathe.de auch Input auslagern, wie ich das bei meinen Schülern mache. Dann haben wir auch auf einer Messe mehr Zeit, zu diskutieren und tiefer in die Thematik einzusteigen. Vorbereitung ist auch hier die halbe Miete. Die Gestaltung der Landschaft war klasse, so stelle ich mir auch für Schüler eine offene Lernlandschaft vor.

2018 bist du erneut dabei – mit neuen Themen oder Erkenntnissen?

Mein Unterricht entwickelt sich ständig weiter, irgendwie bin ich da immer noch in einem Flow ohne Bremse. Daher kann ich auch heute nicht sagen, was mich dann auf der LearnTec beschäftigen wird. Auf jeden Fall werde ich das Panel in drei Teile aufteilen: 1. Stunde: Einführung Flipped Classroom, 2. Stunde: Video erstellen leicht gemacht und 3. Stunde: Flipped Classroom in der didaktischen Diskussion. Ich freue mich aber heute schon auf die Teilnehmer, da ich meist auch von Ihnen etwas an Ratschlägen, Vorschlägen und Impulsen mit nach Hause nehmen kann.

Live erleben können Sie ihn im Forum school@LEARNTEC am Di., den 30.01. von 14.-17.00 Uhr (Panel B).

Autor: Jürgen Luga, Redaktionsbüro Education Mediengesellschaft mbH

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