18.12.2019

Immersive Learning – Status Quo – Status futurus

Die LEARNTEC 2020 widmet AR/VR eine eigene Area, in der Besucher in die faszinierende neue Welt des Lernens eintauchen können. Im Interview sprechen wir mit Torsten Fell, Gründer und Leiter des Instituts für Immersive Learning, über den Status Quo.

Herr Fell, wie beurteilen Sie den Status Quo?

Torsten Fell: Wir haben sehr viel Technologie zur Verfügung, Didaktik, Erfahrung aus Jahrzehnten. Aber all das wird viel zu wenig eingesetzt; was schade ist, da die Methode viele Vorzüge hat. Aber der Markt ist noch sehr klein im Verhältnis zu anderen eLearning-Formaten. In Pilot- und Leuchtturmprojekten werden erste Erfahrungen gesammelt. Eine Integration in die Lernprozesse findet leider meist nicht wirklich statt. Auch das Hinterfragen der bestehenden Strategie mit LMS, Video-Portal, WBTs oder Virtuellen Klassenräumen findet nicht wirklich statt.

Worin sehen Sie die wichtigsten Vorteile von „Immersive Learning“?

Torsten Fell: Mit Immersive Learning können die User in Lernsituationen eintauchen. Natürlich kann auch ein Video emotional sein, doch die Interaktion und Praxisorientierung, das körperliche Tun sichern die Nachhaltigkeit des Lernerfolgs. So steigt die Erinnerungsquote massiv ebenso wie die Handlungskompetenz. Das kann in diesem Ausmaß ein Video nicht leisten. Auch das ergänzen von digitalen Lernobjekten in die Wirklichkeit, kontextsensitiv und direkt am Objekt stellt einen großen Vorteil dar.

Leider herrscht beim Einsatz eine gewisse Zögerlichkeit vor. Meines Erachtens spricht das für eine Überforderung der Personalentwicklung durch die Herausforderung der Technologie. Viele Entscheider haben noch nicht verstanden, welche Potenziale in dieser Lernform stecken oder sie haben keinen Bezug bisher dazu aufbauen können.

Außerdem schwirren Gerüchte durch die Branche, dass das Umsetzen von immersiven Lernprozessen schwierig und teuer sei. Dabei ist der Anbietermarkt in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen und versucht den Entscheidern die Methoden näher zu bringen. Upskilling-Angebote werden nur zögerlich genutzt und sind eher die Ausnahme.

Gerüchte haben meistens eine Ursache. Wo kommen sie in diesem Fall her und wie löst man sie auf?

Torsten Fell: Virtual Reality und Augmented Reality wurden vor allem über den Bereich Gaming bekannt. Das hat jedoch nicht funktioniert. Es fehlte der Content, weshalb keine Breitenwirkung zustande kam. Vor allem die Learning-Themen wurden kaum davon berührt.

Der Zugang zum Thema 3D ist meist auch nicht vorhanden. Das Verständnis Objekte in einer virtuellen räumlichen Welt zu erklären fehlt. Eine eigene Erfahrung mit VR/AR – Learning Experience ist meist nicht vorhanden.

Was die Kosten betrifft ist die Produktion von Lerninhalten für immersive Lernszenarien nicht teurer als bei herkömmlichen eLearning-Produktionen. Es sei denn, es liegen keine 3D-Daten vor und diese müssen erst erzeugt werden. Sind 3D-Daten vorhanden, ist der Kostenrahmen und Umsetzungszeiträume vergleichbar. Bei gleichzeitiger Steiergung des Lernerfolgs und der Nachhaltigkeit.

Wie sehen Sie die Zukunft von Immersive Learning? Welche Entwicklungen erwarten Sie?

Torsten Fell: Generell muss man sagen, dass die Technologie in die neue Arbeitswelt einziehen wird. Das ist Fakt. Google, Microsoft, Facebook (Oculus), Amazon, Apple steigen massiv ein und das wird nicht ohne Auswirkungen auf die Lernwelt bleiben. Gartner hat in seinem „Hype Cycle for emerging Technologies“ erst vor acht Wochen den Begriff „Immersive Workspaces“ eingeführt. Microsoft investiert in das Thema Holographie u.a. mit der Hololens 2. Virtuelle oder digitale Zwillinge sind ein großes Thema. Reale Objekte, die in der digitalen Welt repräsentiert werden. Kurzum wird ein neuer Arbeitsplatz entstehen, der technologisch kein Smartphone/Tablet oder gar Notebook sein wird und wahrscheinlich in der nächsten Stufe eine Brille darstellt. Damit verändert sich auch das Lernen und die Möglichkeiten. KI, 5G und IoT werden dabei eine weitere Dimension sein, die mit VR/AR zusammenwächst und den Arbeitsplatz repräsentiert.

Und wie lange, glauben Sie, wird es dauern bis dieser „Status futurus“ erreicht sein wird?

Torsten Fell: Auf dem Weg vom Status quo zum Status futurus benötigen wir viel Sensibilisierung, Aufklärung, Upskilling-Angebote… Ich schätze in drei bis fünf Jahren werden verschiedene Technologien zusammenfließen: 5G, KI (Avatarbereich, Objekterkennung in AR), AR, VR, AR Cloud. Doch dazu müssen wir unsere fehlende Kultur und Mindset im Bereich Digitalisierung entwickeln. Insbesondere in Deutschland sehe ich dies als große Herausforderung. Asien nutzt hier bereits die Möglichkeiten konsequenter und zielgerichteter.

Entsprechende Autorentools sind bereits da; Plattformen stehen am Anfang. Leider ist die erforderliche Integration für LMS-Anbieter bisher kaum ein Thema. Anforderungen an neue Standards sind bisher nicht adressiert.

Während Mark Zuckerberg mit seinem 2014 erworbenen VR-Startup Oculus nun eine entsprechende Businesslösung (u.a. mit My Trainings Portal) baut, schlafen wir weiter den Schlaf der Gerechten.

Uns muss bewusst sein, dass wir bald international in Konkurrenz zu Ländern stehen werden, die das Thema ganz anders angehen. China will 2025 Weltmarktführer in diesem Bereich sein. Weltweit ist Education im VR/AR-Bereich auf Platz 1 der Themenfelder in 2019 gerückt, leider nicht in Deutschland. Ich will alle ermutigen die neuen Möglichkeiten als Chance zu verstehen, Räume und Situationen zu schaffen, VR und AR zu erleben, nicht zuletzt die VR/AR-Area in Halle 2 auf der Learntec macht dies deutlich. Im Roundtable VR/AR Corporate Learning treffen sich seit 2017 Unternehmen und tauschen sich aus, diese wird neu am Montag vor der Learntec in Karlsruhe stattfinden. Auf der Experience Night am Mittwoch Aben, werden Unternehmen anderen Ihre Lösungen live präsentieren.