18.01.2018

Bitkom-Keynote: Die digitale Gesellschaft braucht digitale Lernorte

Bitkom-Präsident Ulrich Dietz hält am 30. Januar die Keynote der LEARNTEC-Eröffnung über Bildung im Zeitalter der digitalen Gesellschaft.

Wir haben ihm dazu einige Fragen gestellt. Bitkom fördert die digitale Transformation der deutschen Wirtschaft und hat das Ziel, Deutschland zu einem weltweit führenden Digitalstandort zu machen. Der Verband, der mehr als 2.500 Unternehmen vertritt, ist ideeller Träger der LEARNTEC.

Herr Dietz, welche Art von Bildung benötigt die digitale Gesellschaft und wo stehen wir Ihrer Meinung nach heute?

Die Digitalisierung bietet hervorragende Möglichkeiten, die Wissensvermittlung und das Lernen neu zu gestalten. Unsere Lernkultur ist aber leider noch viel zu sehr im Gestern verhaftet: Das betrifft sowohl die Lerninhalte als auch die Art und Weise, wie jungen Menschen Themen näher gebracht werden. Das Bildungssystem konzentriert sich zu stark darauf, im Schulalter große Mengen an Wissen zu vermitteln. Selbstständiges Lernen und das Lernen in Gruppen mithilfe digitaler Medien sollten künftig eine größere Rolle spielen. Die Wirtschaft benötigt Mitarbeiter, die in Teams lernen und sich selbst Wissen aneignen, das sie auch anwenden können.

Was hat für Sie die oberste Priorität bei der Neugestaltung der Bildungseinrichtungen? Wo sollte man den Anfang machen? sind die Mittel für die Lehrerfortbildung dort erheblich reduziert worden.

Egal ob Schule, Berufsschule, Hochschule oder auch Unternehmen – wir müssen alle zu digitalen Lernorten machen. Dabei dürfen Technologien, Inhalte und Kompetenzen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Denn wir brauchen alle drei Elemente: digitale Infrastrukturen wie Breitband und W-LAN, digitale Formate und Konzepte für das Lernen und digitalkompetente Lehrkräfte. Das versteht Bitkom unter dem Konzept Smart School.

2016 hat die Bundesregierung einen Digitalpakt mit 5 Mrd. € Investitionen in die Digitalisierung der Schulen angekündigt. Bis jetzt ist davon aber nichts realisiert worden. Was sind Ihre Erwartungen an die politischen Akteure?

Der Digitalpakt Schule muss in dieser Legislaturperiode endlich umgesetzt werden. Das Ziel muss lauten, bis 2022 unsere Schulen flächendeckend zu Smart Schools weiterzuentwickeln. Das heißt auch, alle Schulen an das Glasfasernetz anzuschließen. Das sollte bis 2020 geschehen. Ein großer Bremsklotz auf diesem Weg ist der Bildungsföderalismus. Wir können es uns nicht leisten, dass jedes Bundesland eigene Lösungen entwickelt, anstatt Synergien zu nutzen und einheitliche Standards zu schaffen, etwa mit einer bundesweiten Bildungscloud, an die alle Schulen angeschlossen sind. Bund und Länder müssen bei der digitalen Bildung viel besser zusammenarbeiten können. Deshalb muss das Kooperationsverbot in der Bildung ein Ende haben.

Nutzen Sie WhatsApp? Es ist das beliebteste Kommunikationsmedium von Jugendlichen. In einigen Bundesländern ist es Lehrern aber aus datenschutzrechtlichen Gründen verboten, mit Schülern über WhatsApp zu kommunizieren. Was halten Sie davon?

Digitale Technologien wie das Smartphone und bestimmte Kommunikationsdienste sind längst Teil des Alltags der allermeisten Kinder und Jugendlichen. Es wäre eine Verleugnung der Realität, wenn wir die Schulen zu analogen Räumen erklären würden. Stattdessen müssen wir versuchen, an den Alltag der Schüler anzuknüpfen und dafür sorgen, dass jeder und jede versteht, wie digitale Technologien funktionieren, wie man sie produktiv nutzt und wie man sich damit auch kritisch auseinandersetzt. Zudem gibt es verschiedene Angebote anderer Anbieter, die bei Jugendlichen geschätzt und aus Sicht des Datenschutz unbedenklich sind.

Was ist das wichtigste Anliegen Ihrer Keynote?

Die Reform des Bildungssystems ist eine große Herausforderung, weil es viele verschiedene Interessen gibt und die Beharrungskräfte teilweise sehr stark sind. Aber wir sind da auf einem guten Weg. Mir ist es wichtig, die großartigen Chancen zu verdeutlichen, die uns die Digitalisierung gerade auch in der Bildung bietet: Sie ermöglicht flexibles, zeit- und ortsunabhängiges Lernen, erleichtert individuelles und vernetztes Lernen, unterstützt Inklusion und verbessert Qualität, Flexibilität sowie Chancengerechtigkeit im Bildungssystem.

Was sind Ihre Prognosen für die Zukunft? Was wäre Ihr Thema, wenn Sie in 5 Jahren eine Keynote zum selben Thema halten würden?

Die Digitalisierung macht es zunehmend schwerer, verlässliche Zukunftsprognosen zu treffen. Wer hätte vor zehn Jahren voraussagen können, dass Smartphones zum unverzichtbaren Alltagsbegleiter werden? Unabhängig davon bin ich guter Hoffnung, dass wir in den kommenden Jahren entscheidende Schritte in Richtung Bildungsreform und neue, auch dezentrale, Lernkultur machen werden.

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